Ein Tag im Homeless Animal Hospital...

Wir kommen im September 2016 so gegen 15 Uhr in Aurelians Tierklinik in Craiova an. Noch ist geschlossen, das Team genießt vor dem erneuten Patientenansturm eine Pause in der Mittagshitze. Denn der Ansturm wird kommen, ganz sicher. Wie schon die ganze Woche. Nachdem wir uns begrüßt haben, gibt es erstmal Kuchen, Geburtstagskuchen. So kann es weitergehen.Tut es aber nicht. Wir begeben uns mit Ruth Osborne auf Erkundungstour: Oben die Aufenthaltsräume, unten Warteraum mit Empfang, ein Behandlungszimmer, dahinter der Raum für Patienten, die Intensivbetreuung brauchen, ein kleines Labor zur Blutuntersuchung, Mikroskopie usw., zum Schluss noch ein Röntgenraum sowie einen OP. Nicht viel Platz, um Tiere langfristig hier zu behalten und zu pflegen, denke ich. Wir sind noch nicht ganz fertig, da kommt uns schon der leitende Tierarzt Dr. Aurelian Stefan um die Ecke gebogen, um uns in den Behandlungsraum zu lotsen. Ich blicke kurz fragend über die Schultern zu Ruth, sie zuckt mit den Schultern. Sie scheint das zu kennen. „Kommt mit! Hier sind zwei ziemlich üble Fälle. Welpen! Schlimmer geht's nicht.“, ruft er uns zu. Und tatsächlich: Auf dem Behandlungstisch sitzen zwei müde kleine Geschöpfe, ihr Fell ist matt und mit Schlamm überzogen, der Blick glanzlos und sie zeigen sich nicht wie üblich kindlich verspielt. Der Körper wahrscheinlich besiedelt von Unmengen an Parasiten und Ungeziefer.

 

Danach geht es Schlag auf Schlag: Es kommt ein Patient nach dem anderen dran - wie am Fließband. So wirkt es aber nicht, denn Dr. Stefan nimmt sich für jeden seiner Patienten und deren Angehörige Zeit. Er erklärt ihnen genau, was zu tun ist. Wir verstehen nur wenige Worte, Worte wie vomita (erbrochen), mort (tot), Antibiotika und Germania, aber an der Körpersprache und Mimik können wir erahnen, wie ernst die Situation wirklich ist. Manchmal erklärt der Doktor uns auf Deutsch, was passiert ist und was die jeweilige Untersuchung zu Tage gefördert hat. Das sind Situationen, in denen wir nicht mit ihm tauschen wollen. Als wir am Ende des Tages alle Fälle resümieren, merken wir, wie dicht Freud und Leid beieinander liegen. Besonders hier in Rumänien und dabei haben uns folgende Fälle besonders berührt: 

 

Eine ältere Hündin kommt mit ihrer Besitzerin ins Behandlungszimmer. Bei genauerem Hinsehen erkennt man ohne größere Fachkenntnisse ein übles Geschwür im Genitalbereich und zwei weitere solcher Beulen am Bauch: Krebs! Das ist die schlechte Nachricht, die gute lautet: Die Tumore sind operabel! Aber die Besitzerin hat nur eine kleine Rente, die Kosten für die Operation würde ihr gesamtes Monatseinkommen verschlingen. Sie guckt hilfesuchend zwischen uns und dem Doktor hin und her, erklärt uns flehend in Rumänisch ihre Situation. Sie liebt ihre Hündin, das sieht man deutlich. Wir beschließen, Fotos für einen Spendenaufruf in Facebook zu machen. Dr. Aurelian Stefan ist hin und hergerissen: „Wir können ja leider nicht alle Patienten umsonst behandeln, irgendwie muss ich ja auch mein Personal bezahlen!” Wir nicken und können uns lebhaft vorstellen, wie verzweifelt sich das anfühlen muss. Zwei Kräfte sind da am Werk: Einerseits der Wunsch eines Arztes zu helfen, andererseits die wirtschaftliche Denkweise eines Selbstständigen, der sein Personal ordentlich bezahlen will und seine Existenzgrundlage sichern muss! Petita (Deutsch: die Kleine) hatte Glück! Ihr Spendenaufruf war erfolgreich, sie konnte letztendlich operiert werden und weiterhin ein glückliches Leben führen!
 
Dazwischen eine Katze, die nach einer kostenlosen Sterilisation vom Besitzer abgeholt wird. Systematische Kastrationen und Sterilisationen sind der wesentliche Ansatzpunkt, um der wachsenden Streunerpopulation im Land Herr zu werden. Weder das Töten der Streuner noch die Vermittlung der Tiere ins Ausland sind geeignete Maßnahmen, um das Übel an der Wurzel zu packen. Deshalb gehören gerade auch regelmäßige Kastrationsprojekte zu den zentralen Aktivitäten des tierärztlichen Teams.
 

Dann kommt der nächste traurige Fall. Cora, eine ältere Hündin, wird von ihrer Besitzerin hereingeführt. Sie guckt uns mit leidvollem Blick an, als wolle sie uns um Hilfe bitten. Ihre Besitzerin stellt ihre Billa Einkaufstüte ab und hievt Cora anschließend auf den Behandlungstisch. Dr. Aurelian Stefan rasiert zum wiederholten Male an diesem Tag einen Tierbauch frei, gibt einen großen Klecks Gel auf den Bauch und die Ultraschalluntersuchung beginnt. Die Hündin quiemt schmerzerfüllt während der gesamten Behandlung, ihre Besitzerin bittet sie ruhig zu bleiben: “Cora stay!” Es glückt nicht, die Hündin bleibt weiterhin so unruhig, dass einer von uns mit “Hand anlegen” muss. Das schmerzerfüllte Fiepen tut einem weh und man hofft einfach nur, die Untersuchung endet bald...

 
Schon nach kürzester Zeit wird „Dr. A“, wie er von manchen Freunden genannt wird, fündig: Wieder Krebs! Diesmal streut er über den gesamten Bauchraum, nichts mehr zu machen. Den Blick starr auf den Monitor des Ultraschallgeräts geheftet fragt er uns: „Wie soll ich gleich dieser älteren Frau erklären, dass sie ihren Hund verlieren wird? Wo sie mir gerade erzählt hat, dass sie lieber selbst sterben würde, als sie einen ihrer 17 Hunde abzugeben. Soll ich einen Krankenwagen rufen, falls sie direkt hier einen Herzinfarkt bekommt?“ 
 
Wir wissen keinen Rat und nicken bloß stumm. Wieder nimmt er sich viel Zeit und erklärt der Dame, dass Cora Krebs hat und sich Metastasen gebildet haben. Sie hievt Cora mühsam vom Tisch, greift nach ihren Einkaufstaschen und geht mit ihr davon. Was wohl aus den beiden geworden ist? 
 
Es folgen noch etliche weitere Fälle, bei denen wir merken: die Tiere mit reicheren Besitzern haben es selbst in Rumänien gut. Ihre Besitzer sind fürsorglich und kümmern sich liebevoll. Sei es der gut gepflegte Golden Retriever Junghund mit Hautproblemen, der verspielt in die Hand des Doktors beißt, oder der Dobermann mit Nierensteinen. Die Tiere armer Menschen und insbesondere die vielen Streuner haben es schwer. Denn sie sind darauf angewiesen, dass sich entweder ihre Besitzer ins Homeless Animal Hospital trauen oder dass ihre Retter sie hierher bringen, weil sie das Sozialprojekt schon kennen. So wie es einer kleiner Katzen und einem Welpen glücklicherweise passiert. Die Katze halbtot erwacht nach der Behandlung zu neuem Leben und wird auf einmal ganz kratzbürstig. Dazwischen ein toter Hund... Seine Besitzerin ist zu spät, sie hat sich nicht früh genug in die Klinik getraut, bei ihrem Hund kann nur noch Herzstillstand festgestellt werden. Dr. Aurelian Stefan hört ihn vorsichtshalber ab, kann aber nur noch mit dem Kopf schütteln. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät! Die Besitzerin nimmt ihren toten Hund genauso fürsorglich hoch, wie sie ihn auf den Behandlungstisch gelegt hat, hüllt den toten Körper wieder in die Decke und verlässt die Klinik. Danach verlassen wir erstmal fluchtartig das Behandlungszimmer, um uns zu erholen. Nach kurzer Verschnaufpause hören wir ein regelmäßiges Pfiepen aus dem Behandlungsraum. Vorsichtig lugen wir um die Ecke... Auf dem Tisch sitzt ein kleiner, weißgrauer Welpe. Seine Retterin streichelt ihn ununterbrochen, versucht ihn zu beruhigen. Vergeblich! Der winzigkleine Welpe wimmert und wimmert die ganze Behandlung über... Es klingt wie das Jammern eines menschlichen Babys und es zerreißt einem fast das Herz! Aber man sieht: seine Retterin ist liebevoll um ihn bemüht, versucht ihn zu trösten...
 
Am Ende des Tages, so gegen 20 Uhr abends, gehen wir zurück in unser Hotel, noch ganz benommen von den Eindrücken des Tages und wissen: "Das Leben eines Tierarztes ist in Rumänien kein einfaches!" Und dabei sollen wir einen "ganz normalen" Tag miterlebt haben. Wir denken: 'Gut, dass es das Homeless Animal Hospital gibt, dass all diesen "Sozialfällen" helfen kann, wenn, ja wenn die Spendensituation es zulässt.' Diese Erkenntnis im Gepäck beschließen wir nach unserer Rückkehr dieses Projekt nach Kräften durch das Sammeln von Spenden zu unterstützen. Denn die "Niemandshunde" haben ja keinen, der für sie aufkommen würde und sie brauchen unsere Hilfe so dringend..
 
Craiova, im September 2016.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© World Animal Veterinary Emissaries (WAVE) e.V